Donnerstag, 30. Juni 2016

Testbericht: Tolino Page – das Einsteigermodell

Es ist unbestritten, dass sich der Tolino als Lesegerät seit seiner Einführung einen soliden Marktanteil erobert hat. Noch weit vor denen von Kobo dürfte er inzwischen das meistgenutzte Gerät für eBooks im ePub-Format in Deutschland sein. *

Aktuell gibt es den Tolino Shine und den Tolino Vision mit eInk-Display sowie den Tolino Tab als Tablet.
Und zu dieser Gerätereihe gesellt sich nun ein neues Gerät, das ein eigenes Marktsegment bedienen soll: der Tolino Page.


Zielgruppe für den Tolino Page sollen Kunden sein, die bisher den Kauf eines Lesegeräts gescheut haben. 
Sei es, weil sie als Wenigleser oder Gelegenheitsleser keinen großen Bedarf für sich gesehen haben. Sei es, weil sie vor der Handhabung eines Lesegeräts zurückschrecken.

Der Tolino Page tritt also mit einer klaren Vorgabe an:
er will einsteigerfreundlich sein.

Werden die Technik und die Präsentation diesem Anspruch gerecht?



Das Gerät kommt in einer schlicht gestalteten Kartonverpackung.
Die erste kleine Überraschung erlebt man beim Öffnen. Der Tolino Page steckt in einer gepolsterten schwarzen Papiertasche, die mich unweigerlich an eine Abendhandtasche für Frauen erinnert hat. Da sich die TV-Werbung der Tolino-Shops auch bewusst in ihrer Aufmachung an weibliche Nutzer gerichtet hat, gehe ich davon aus, dass dieses Design bewusst gewählt wurde.
(Nebenbei: ich als Mann finde sie praktisch und optisch ansprechend.).



Im Prinzip nur eine Umverpackung, aber sie macht auf mich einen solch stabilen Eindruck, dass man sie auch über einen längeren Zeitraum als Schutzhülle nutzen könnte.
Das wäre prompt für Wenigleser ein Argument, die nicht noch extra Geld für eine Hülle ausgeben wollen.

Des Weiteren liegen eine Kurzanleitung und ein Micro-USB-Kabel bei.
Allerdings kein Netzadapter. Hier hätte man in Sachen "Einsteiger" einen Schritt mehr tun können. Auch wenn Smartphones inzwischen weit verbreitet sind, hat nicht jeder eines. Und vielleicht erst recht keinen aufsteckbaren Netzadapter. Da diese nicht die Welt kosten, hätte ich einen beigelegt.
Nichts ist ärgerlicher, als so ein Gerät z.B. zu verschenken oder in den Urlaub mitzunehmen – und die sofortige Nutzung scheitert am Adapter, falls der Akku eben doch nicht (wie bei mir) teilweise aufgeladen ab Werk ist.

Das Gerät macht einen durchweg soliden Eindruck.
Es ist im selben, tja, milchkaffebrauen Farbton gehalten wie der erste Tolino. Das trifft vielleicht nicht jedermanns oder -fraus Geschmack (mich hat es beim ersten Modell lange vom Kauf abgehalten). Ein neutrales Schwarz hätte ich hier für sinnvoller erachtet.
Am Gehäuse quietscht und knarzt nichts. Die Fugen sind sauber geschlossen. An der Verarbeitung hat man beim Tolino Page also nicht gespart.
Unten mittig hat man wie bei allen Geräten den einzigen Druckknopf auf der Vorderseite.

Die Oberfläche ist leicht angeraut, womit das Gerät selbst bei leicht feuchten Fingern wie beim Sommerwetter, das ich heute hier habe, gut in der Hand liegt.
Mit einem angenehmen Gewicht von 170 Gramm wiegt er nur unwesentlich mehr als der Kindle. 

Jetzt aber, endlich einschalten! **
Und hier hatte ich prompt die für mich völlig unerwartete erste Hürde. Wo man den entsprechenden Knopf findet, wird auf dem Display angezeigt, aber ich war doch erstaunt, wie viel Druck ich ausüben muss, um das Gerät tatsächlich einzuschalten.
Das ging mir nicht nur beim ersten Mal so, sondern auch jetzt, während des Testberichts. Ich hatte prompt gedacht, ich mache was falsch oder das Gerät sei defekt bzw. der Akku leer.
Es ist nun wirklich nicht mein erstes Lesegerät, und mir ist das zu robust in der Bedienung. Ich hatte prompt Angst, ich mache was kaputt, wenn ich noch fester drücke …

Empfangen wird man nach von der Sprachauswahl und der WLAN-Einrichtung (die man überspringen kann) von drei Einstiegsbildschirmen, auf denen mit Pfeilen die wichtigsten Funktionen auf einen Blick erklärt sind.



Interessanterweise ging es mir so, dass ich genau diese Übersicht eher verwirrend denn erklärend fand. Eine Schritt-für-Schritt-Übersicht, die sich jeweils nur auf ein Detail konzentriert, hätte ich für zugänglicher erachtet.
Diese Übersicht lässt sich zudem ein weiteres Mal nur aufrufen, indem man das Gerät auf die Werkseinstellungen zurückstellt. Ein eigener Menüpunkt „Übersicht noch mal anzeigen“ wäre ganz hilfreich.
Wie schon gesagt: das Gerät hat den Anspruch, sich gezielt an Einsteiger und Kunden zu richten, die eben nicht technikaffin sind.

Auch der abschließende Bildschirm hätte klarer sein können. Zum einen habe ich einen Link „Zu meinen Büchern“ (wie denn, wenn ich vielleicht noch keine habe?) und eine Schaltfläche „Einrichten“ (ich dachte, das hätte ich gerade getan?).
Auch hier fehlt mir die, ja, idiotensichere Führung für Einsteiger. Ein Punkt nach dem anderen. Nie Auswahlmöglichkeiten bieten, wo keine sein müssen.

Gerade den Einstieg löst das Gerät meines Erachtens nach nicht gekonnt. Das geht besser. Ich bin deshalb bei diesem Punkt bewusst kritischer als ich es sonst wäre.

Die Infrarot-Technologie des Touchscreens reagiert angenehm schnell, Ghosting habe ich auch bei sehr schnellem Blättern so gut wie keines feststellen können.
Sobald man zum Hauptmenü kommt, merkt man kaum noch einen Unterschied zu den teureren Tolino-Modellen.
Der Tolino Page läuft mit der aktuellen Firmware 1.8.0. Es kommt also keine abgespeckte Software-Version zum Einsatz. Man erhält denselben Leistungsumfang wie beim Shine.

Hauptmenü wie beim Shine


Das ist nun ein Vorteil für alle Tolino-Nutzer, nicht aber zwingend für Einsteiger. Die Firmware ist in keinster Weise sperrig oder unübersichtlich oder lässt wichtigen Features vermissen, bewahre! – aber sie ist eben auch keinen Deut leichter zugänglich.
Wer also als Unentschlossener schon mal einen Shine im Buchhandel ausprobiert hat und davon nicht überzeugt war in Sachen Handhabung, wird es auch vom Page nicht sein.

Was wiederum wirklich ein absolutes Pluspunkt ist: die Nutzung von T-Online Hotspots ist vorinstalliert UND kostenlos!
Bei meinem ersten Test hat das Gerät automatisch den nächsten Hotspot gefunden und sich damit verbunden. Ohne dass ich auch nur irgendetwas eingeben oder konfigurieren musste.
Die Verbindung mit anderen WLAN-Netzwerken muss natürlich nach wie vor manuell eingerichtet werden. Aber gerade wenn man unterwegs ist, ist die Hotspot-Nutzung äußerst komfortabel.

Natürlich hat man beim Page auf Features verzichtet, um ihn preislich auch für Einsteiger attraktiv zu machen.

  • Das Gerät besitzt keine Bildschirmbeleuchtung. Für mich persönlich kein Minuspunkt, da ich die eInk-Beleuchtung bis heute auf keinem Gerät (egal welches Anbieters!) wirklich überzeugend gelöst finde.
  • Das Display hat keinen Spritzwasserschutz. Im Prinzip nicht wirklich wichtig. Richtet man sich aber an Gelegenheitsleser, die ihre Jahreslektüre gerne für den Strand oder den Pool kaufen, wäre dies gerade für diese Zielgruppe ein vielleicht nicht unbedeutendes Feature gewesen.
  • Es gibt keinen Steckplatz für eine Speicherkarte. Die 2 GB interner freier Speicher sollten aber mehr als ausreichend sein, zudem man auch beim Page einen Cloud-Speicher mit 25 GB nutzen kann.
  • Der 6-Zoll-Bildschirm ist ein Carta-Display mit einem hervorragenden Kontrast, hat aber "nur" eine Auflösung von 800 auf 600 Pixel. Beim Lesen von Romanen fällt das aber nicht auf.
Es wurde also meines Erachtens an den meisten richtigen Stellen technisch verschlankt, um nicht mehr zu bieten als unbedingt nötig – das aber dann wiederum mit einer konkurrenzfähigen Hardware.

Die aktuelle Firmware 1.8.0
Was die Flexibilität beim Einkauf betrifft, bietet der Tolino Page aufgrund seiner Firmware auch den bekannten Komfort.
Das Gerät hat je nach Shop einen Anbieter (Thalia, Weltbild, usw.) vorinstalliert, Konten bei anderen Tolino-Shops lassen sich aber problemlos einrichten und mitnutzen.

Was kostet das Gerät?
Tja, das ist die gute Frage, die ich erst nachträglich beantworten kann, denn hierzu habe ich vor dem Verkaufsstart am 30. Juni keine Informationen erhalten.
Der Preis wird aber das entscheidende Argument sein, ob sich der Tolino Page bei Gelegenheitslesern oder bisher Unentschlossenen durchsetzen kann. Denn die verschiedenen Anbieter der Tolino-Allianz bieten bereits die Shine-Geräte immer wieder in Preisaktionen mit oder ohne Gutschein deutlich vergünstigt an.
Und – als ob Amazon davon Wind bekommt hätte ... – den Einsteiger-Kindle gibt es seit Mitte Juni für 69,99 Euro. Liegt der Page nicht mindestens in diesem Preisbereich (eher noch günstiger), hat er mit harter Konkurrenz zu kämpfen, selbst in der eigenen Gerätefamilie.

Nachtrag: Der Tolino Page ist nun in den Shops zu einem Preis von 69,- Euro erhältlich. Sehr viel günstiger dürfte es derzeit bei der verbauten Hardware nicht gehen.
Meines Erachtens (Tipp an alle Geräthersteller) wird aber erst ein Preis unter 50 Euro für Gelegenheitsleser richtig interessant.

___

Mein Fazit:
Der Tolino Page ist ein solides Gerät, das mir sehr gut gefällt. Von der Ausstattung her kann ich es uneingeschränkt empfehlen.

Ob man damit Einsteiger erreicht, das vermag ich nicht zu sagen. Dafür ist mir der intuitiv gedachte Zugang doch eine Spur zu sperrig (so gesehen allerdings auch bei jedem anderen Gerät am Markt).
Ich sehe hier eher einen Markt für Leser, die ein günstiges Zweitgerät nutzen wollen. Oder einen Reader als Geschenk suchen. Oder ihr altes Lesegerät gegen ein preislich attraktives austauschen wollen.

Gewartet dürfte der eBook-Markt auf den Page nicht unbedingt haben. Er ist aber eine angenehme Ergänzung.

___

* Ich beziehe das in diesem Zusammenhang ausschließlich auf Geräte mit eInk-Display.
** Ich habe mich bei der Handhabung bewusst unerfahren angestellt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen